«Wie beim Smartphone müssen auch wir unseren Akku regelmässig laden».

Wissenschaftliche Studien zeigen seit längerem, dass Stress sowohl dem Körper wie dem Geist extrem schadet. Warum Pausen keine Zeitverschwendung sind, erklärt Maja Storch, Co-Autorin des Sachbuches «Die Mañana-Kompetenz – Entspannung als Schlüssel zum Erfolg» in diesem Interview.

Maja Storch

Frau Storch, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass die sogenannte Mañana-Kompetenz der Schlüssel zum Erfolg sei. Was verstehen Sie unter Mañana-Kompetenz?
Mañana-Kompetenz ist die Fähigkeit, leicht zwischen dem Nervensystem des Sympathikus in jenes des Parasymphatikus umschalten zu können. Der Sympathikus versetzt uns in die Lage, aktiv, schnell und leistungsfähig zu sein. Im Gegensatz dazu verhilft uns der Parasymphatikus zu regenerieren, Ruhe zu finden und kreativ zu sein. Wenn jemand also gut zwischen aktiven und passiven Phasen abwechseln kann, besitzt er die Mañana-Kompetenz.

Warum brauchen wir Mañana-Kompetenz?
Wir brauchen Ruhephasen, um unseren Akku wieder aufzuladen. Wir können nicht immer im Dauerbetrieb funktionieren. Als Vergleich: Wenn der Akku Ihres Smartphones leer ist, laden Sie es wieder mit Energie. Unser Strom ist eben die Mañana-Kompetenz. Darum brauchen wir Menschen nach jeder aktiven Phase regelmässig Ruhe und Entspannung, um Energie zu tanken. Beide Phasen sollten ausgewogen sein, also etwa 12 Stunden aktiv und 12 Stunden passiv. Dabei verbringen wir bereits etwa 8 Stunden im Schlaf.

Ist Mañana-Kompetenz zu vergleichen mit der sogenannten Work-Life-Balance?
Nein, denn bei der Work-Life-Balance meinen die meisten, dass sie in der Freizeit nochmals aktiv alles Mögliche erleben möchten. Also Freunde zum mehrgängigen Menu einladen oder Kulturevents besuchen, mit dem Mountain-Bike unterwegs sein oder sonst ein Sporttraining absolvieren. Das hat zur Folge, dass wir im Dauerstress sind. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass viele physische und psychische Erkrankungen mit Stress zu tun haben, beispielsweise Diabetes, Übergewicht, hoher Blutdruck, Depressionen. Uns geht es schlicht besser, wenn wir wieder lernen, uns Ruhe zu gönnen. In Japan oder in südlichen Ländern gibt es Menschen, die sehr alt werden. Auf die Frage, warum sie so alt werden, gibt es Tipps wie Algen essen oder mit Olivenöl kochen. Es ist jedoch das stressfreie Leben, welches das hohe Alter dieser Menschen begünstigt.

Wie kann ich meine Akkus wieder aufladen?
Es gibt verschiedene Wege, in den Mañana-Modus zu kommen. Grundsätzlich sollte dafür jede Aktivität zweckfrei und ohne einen Anspruch an Leistung sein. Die Berner haben so einen tollen Ausdruck für etwas Unwichtiges verrichten: «grümschele», genau um so etwas geht es bei der Mañana-Kompetenz. Beispielsweise auf dem Flohmarkt herumstöbern, in der Werkstatt etwas zusammenbauen, im Garten den Schmetterlingen zuschauen, spielen und verweilen, mit dem Hund spazieren gehen, mit einem guten Freund plaudern.

Empfehlen Sie Mañana also vor allem am Wochenende?
Nein! Super ist, wenn Sie sich mehrmals am Tag entspannen. Sie haben vielleicht schon selber beobachtet, dass asiatische Menschen im Zug schlafen – im Gegensatz zu uns, welche irgendetwas herumtippen. Japaner können in einen fünfminütigen Schlaf eintauchen und haben so eine Mini-Mañana-Pause. Gönnen Sie sich Pausen und wenn es möglich ist, legen Sie sich mittags für eine Viertelstunde hin. Das Wochenende sollten Sie nicht total verplanen, sondern sich ausgiebig Zeit nehmen für Ihre Mañana-Tätigkeiten, bei denen Sie sich gut entspannen können. Ebenso dienen Ferien dazu, seinen Akku wieder aufzuladen. Aber, wenn Sie nur in den Ferien entspannen, ist das zu wenig.

Heisst sich entspannen, sich wenn möglich immer in die Hängematte legen?
Es gibt Menschen, die werden schon beim Gedanken an eine Hängematte nervös. Ebenso ist der moderne Tipp, mit Zen-Meditation zur Ruhe zu kommen, nicht für alle ratsam. Wir entspannen und erholen uns auf ganz unterschiedliche Weise. Beobachten Sie sich selber, probieren Sie verschiedene zweckfreie Tätigkeiten aus und finden Sie dabei heraus, wie sie sich am besten erholen und wie Sie Ihren Akku wieder aufladen.

Wie kann man Mañana-Kompetenz erlernen?
Wichtig ist zu lernen, den Schalter vom Aktiv-Modus in den Passiv-Modus umschalten zu können. So nach dem Motto «nach mir die Sintflut.» Wir haben einen speziellen Mañana-Test entwickelt, der als Download im Internet zur Verfügung steht: www.manana-kompetenz.de. Damit können Sie ebenfalls herausfinden, welche Art von Entspannung zu Ihnen passt.

Wie kann ich mich entspannen, wenn gleichzeitig viele Aufgaben rufen? Zum Beispiel für die Meisterprüfung lernen oder endlich die Buchhaltung erledigen.
Die Mañana-Kompetenz ist eine echte Herausforderung – besonders für pflichtbewusste Menschen, die zudem eine hohe Bereitschaft für Leistung kennen. Da gerade für solche Leute Mañana-Kompetenz nicht vom Himmel fällt, empfehle ich deshalb, sich an einen psychologischen Coach zu wenden. Keine Angst, dass bedeutet nicht eine langjährige Therapie, sondern an drei bis vier Sitzungen erlernen Sie gezielte Techniken, um fähig zu werden, tägliche Ruhephasen in den Alltag zu integrieren.

Was raten Sie einem engagierten Menschen, die ihren Beruf als Berufung ausüben?
Es ist wunderbar, wenn man seinen Beruf sogar als Berufung ausführen kann. Beim engagierten Arbeiten kann man wie bei einem Marathon einen «Rausch» erleben, weil die sogenannten Glückshormone ausgeschüttet werden. Dabei entsteht jedoch eine Selbstausbeutung, die sogar Spass macht. Aber Achtung, auch solche Menschen brauchen Ruhephasen und müssen dafür sorgen, dass ihr Akku täglich aufgeladen wird, sonst droht das Burn-out.

Frauen sind es sich oft gewohnt, sowohl im Beruf als auch im Haushalt und für die Familie das Beste zu geben. Da sind die Momente für sich selber sehr rar.
Oft sind Familie und andere Betroffene nicht besonders begeistert, wenn sich Frauen Mañana-Pausen gönnen. Deshalb müssen Frauen aktiv und offensiv ihre Ruhephasen verteidigen. Und es nützt wenig, wenn Sie sich zum Mittagsschlaf hinlegen, dabei aber immer vom schlechten Gewissen geplagt werden. Deshalb ist es so wichtig, zu wissen und zu erkennen, dass man während jeder Ruhe-Phasen wieder Kraft für die folgende Aktiv-Phase schöpft.

Welche körperlichen Zeichen sind Warnsignale?
Warnsignale sind, wenn Sie nicht mehr richtig einschlafen können und Ihnen im Bett dauernd viele Gedanken und Sorgen im Kopf herumschwirren. Ein weiteres Zeichen ist, wenn Sie nur mit Alkohol runterfahren können. Wir empfehlen, dass Sie etwa fünf verschiedene Mañana-Tätigkeiten kennen, die Ihnen helfen in den Ruhe-Modus zu gelangen. Alkohol kann helfen, darf aber nicht die einzige Möglichkeit sein.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass die innere Ruhe wichtig ist. Warum?
Mit der inneren Ruhe erhalten wir den Zugang zu unseren Erfahrungen und Erinnerungen, welche gleichzeitig mit unserem eigenen Bewertungssystem verbunden sind. Dieser Zugang zu unseren Erfahrungen und unserem Bewertungssystem ist besonders wichtig, um gute Entscheidungen fällen zu können. Oder anders gesagt, wenn Sie gestresst sind, fällen Sie eher Entscheidungen, die Sie später eventuell bereuen.

Warum bezeichnen Sie das Wort «schnell» als ein Killerwort?
Es hat eine Bedeutung, wenn ich sage, ich antworte dir schnell per Mail oder ich antworte dir per Mail. Ich habe schon gehört, dass man sogar schnell Pinkeln geht. In der Schweiz und Deutschland muss alles schnell gehen, obwohl es doch voll in Ordnung ist, wenn man langsam pinkelt. Oder? Mit diesem kleinen Wort «schnell» stressen wir uns unbewusst. Dieser Stress ist aber nicht notwendig.

Was hat sich im Gegensatz zu früher verändert? War es früher einfacher abzuschalten?
Früher waren die Abläufe viel mehr strukturiert und ritualisiert. Ich kann mich erinnern, dass in meiner Kindheit der Sonntag klar gegliedert war mit in die Kirche gehen, Sonntagsbraten, Mittagsschlaf, Besuch von Tante Frida und Onkel Karl zu Kaffee und Kuchen. Beim Spaziergang hoffte ich, dass wir um 17.15 Uhr wieder zu Hause waren, weil dann Bonanza im Fernsehen lief. Heute durch die ständige Erreichbarkeit und unsere veränderte Arbeits- und Lebensweise müssen wir die Wochentage und das Wochenende selber in aktive und passive Phasen einteilen. Im Gegensatz zu früher haben wir mehr Freiheit. Dies bedeutet jedoch, dass es unsere Aufgabe ist, mit dieser Freiheit sinnvoll umzugehen.

Und noch eine persönliche Frage: Welche Art von Entspannung bereitet Ihnen am meisten Freude?
Kochen, backen, mit meinem Hund schmusen, im Garten verweilen, und ich bin eine hingebungsvolle Schläferin. Auch tagsüber lege ich mich gerne für 10 oder 20 Minuten hin und stehe danach wie aus einem Jungbrunnen kommend auf.

Maja Storch ist promovierte Psychologin, Psychoanalytikerin und Sachbuchautorin. Sie ist Projektleiterin an der Universität Zürich und führt als Inhaberin das Institut für Selbstmanagement und Motivation in Zürich ISMZ. Im Internet: www.majastorch.de und www.ismz.ch

Dieser Artikel ist erstmals im Fachmagazin HP 5-14 erschienen. Herausgeber: feusuisse Verband für Wohnraumfeuerungen, Plattenbeläge und Abgassysteme.

Das Buch über die Mañana-Kompetenz
Haben Sie gewusst, dass Entspannung ein Schlüssel zum Erfolg ist? Also Nichtstun, Faulenzen, Krimi lesen, Fussball spielen, Wolkenschauen oder Rosen schneiden und so weiter. Alles, was Sie gerne tun – ohne grossen Sinn und Zweck. Doch oft hindern uns Zeitfresser, die sich da nennen: «Hast du schnell Zeit?» oder «Tut mir leid, die Agenda ist schon voll»: Dagegen hilft nur eines: Ausmisten und sich überlegen, was tut mir gut. Dies alles ist keine Behauptung von mir, sondern Gunter Frank, ärztlicher Leiter des Heidelberger Präventions- und Gesundheitsnetzes, und Maja Storch, Psychologin und Psychoanalytikerin, schreiben darüber in ihrem Buch Mañana-Kompetenz (Piper Verlag). Beide Autoren sind überzeugt, dass Musse und Gelassenheit ein wichtiger Schlüssel zu einem erfüllten und zufriedenen Leben darstellen und Entspannung entscheidend ist für den persönlichen und beruflichen Erfolg. Im Internet: www.manana-kompetenz.de